WENIGER VORURTEILE, MEHR VERSTÄNDNIS

…wie ich mich dabei ertappte, einem Menschen Unrecht zu tun!

Weniger Schublade, mehr Verständnis!

Manchmal tut man einem Mitmenschen Unrecht, ohne es zu wissen. Unbewusst, und nicht selten geschieht dies innerhalb von wenigen Sekunden. Weil wir in Schubladen denken, Vorurteile haben oder aber schneller urteilen, als zu hinterfragen. Ich war bis heute der Meinung, das Schubladendenken für mich weitestgehend abgelegt zu haben. Dass ich klüger geworden bin, umsichtiger, verständnisvoller. Dass ich mich diesbezüglich entwickelt habe und Menschen nicht sofort sortiere. Und dann hatte ich gestern ein Schlüsselerlebnis. Ein Erlebnis, das mir gezeigt hat, stimmt nicht, du bist noch immer ganz am Anfang. Auch du denkst noch immer viel zu sehr in Schubladen. Auch du bist da in keinster Weise frei von Schuld. Versteht mich nicht falsch, ich habe nie gedacht, dass ich alles richtig mache. Aber ich war eben doch der Meinung, dass ich gerade in Sachen „Schubladendenken“ im letzten Jahr einen großen Schritt nach vorn gemacht habe. Bis gestern. Bis zu dem Augenblick, als ich da stand, in der Bahn, in ein zerfurchtes, aber sehr freundliches Gesicht blickte und mich schämte, für mich und meine Gedanken, die ich noch eine Minute zuvor hatte. Ja, ich schämte mich sogar fürchterlich. Und doch war ich gleichzeitig unheimlich dankbar für eben diese Situation. Weil sie mir die Augen geöffnet hat, weil sie mir gezeigt hat, dass man in seinem Urteil einfach oft viel zu schnell und ungerecht ist.

Ich war abgehetzt. Es regnete, der Arzttermin hat viel länger gedauert, als erwartet, der Kindergarten wartete mit seiner Eingewöhnung ebenfalls. Und da sich alle Termine am besten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln abdecken ließen, sprintete ich also aus der Arztpraxis heraus Richtung U-Bahn. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich das Gleis, als die Bahn bereits einfuhr. Als alle anderen Fahrgäste eingestiegen waren, schob ich den Kinderwagen fix in die Bahn und versuchte ihn und mich zu dem vorgesehenen Platz für körperlich Beeinträchtige und Kinderwägen zu manövrieren. Das gestaltete sich aber schwierig. Nicht, weil die Bahn übermäßig voll war, das war sie nämlich nicht. Nein. Es gestaltete sich schwierig, weil ein Herr mittleren Alters {etwa Ende 40, schätze ich} genau dort saß, seinen Rucksack neben sich auf der heruntergeklappten Bank.

Grmpf, dachte ich. Ich sah dem Mann mit den tiefen Falten ins Gesicht, suchte Blickkontakt und als Antwort bekam ich ein freundliches Lächeln. „Dreist!“ war mein nächster Gedanke. Rundherum waren noch einige freie Sitzplätze. Ich begann mich innerlich über den Mann zu ärgern. Spätestens, als die Bahn losfuhr und ich mich gerade noch rechtzeitig an dem Haltegriff der Bahn festhalten konnte, war ich innerlich schon fast in Rage. Er wiederum griff währenddessen nach dem Kinderwagen, hielt diesen fest, stabilisierte und sprach nett in einer Sprache zu mir, die ich nicht verstand.

Relativ schnell begriff ich, dass er mir helfen wollte. Ich verstand außerdem, dass er vermutlich einfach gar nicht wusste, dass dieser Platz eben für Beeinträchtige oder Familien mit Kinderwägen reserviert war. Dass er weder meine Sprache sprach und ganz sicher nicht vorsätzlich diesen Platz besetzen wollte. Mimi brach recht schnell das Eis, sie reichte ihm aus dem Kinderwagen heraus ihre Püppi und brabbelte in seine Richtung. Er lächelte und antwortete in seiner {vermutlich} Muttersprache. Auch zu mir sprach er immer wieder, ich verstand nur leider kein Wort. Ich versuchte es auf Englisch, aber das wiederum schien er nicht zu verstehen. Zwei weitere Stationen später stieg ein Rollifahrer ein, und auch schaute grimmig drein. Ich hatte das Gefühl, förmlich seine Gedanken lesen zu können. Immerhin waren seine Gedanken vor wenigen Minuten noch meine. Und nun schämte ich mich für eben genau diese.  Ich hatte ihm, unausgesprochen, unrecht getan. Innerhalb von Sekunden. Und ich habe überhaupt gar nicht darüber nachgedacht, dass es eben auch andere Gründe haben könnte – abgesehen von Dreistigkeit oder Respektlosigkeit. Als ich später die Bahn verließ, winkte Mimi dem Herrn zu, er winkte zurück und ich nickte ihm zum Abschied freundlich zu.

Ich dachte gestern noch lange drüber nach. Darüber, dass man so oft so vorschnell ist und Mitmenschen Unrecht tut. Nicht vorsätzlich, aber dafür nicht weniger schlimm. Dieser Mann, den ich für mich innerhalb weniger Augenblicke direkt verurteilt hatte, war freundlich und offen, und auch wenn wir nicht eine Sprache sprachen, war klar, er ist nicht schlecht oder dreist oder respektlos. Nichts davon. Er sprach einfach nicht meine, nicht unsere Sprache. Er wusste es vielleicht einfach nicht besser. Wisst ihr, es ist menschlich, schnell „zu sortieren“. Das geschieht nicht selten automatisch. Aber dennoch sollte man innehalten und hinterfragen, dem Menschen eine Chance geben. Und das habe ich gestern für mich wieder gelernt. Hinterfragen. Die Schubladen geschlossen lassen. Oder aber, sich eingestehen, dass man sich nicht fair verhalten hat. Egal, ob nur in seinen Gedanken oder in der ausgeführten Handlung.

Weniger Schubladen, mehr Verständnis.

 

 

 

KOMMENTARE

Dieser Beitrag hat 16 Kommentare

  1. Liebe Janina – du sprichst mit deiner Anekdote etwas an, was auch mir unbewusst teilweise passiert.. Jedoch finde ich es wichtig, dass man sich in solchen Situationen selbst „ertappt“ und sich deren bewusst wird, weil genau dies der richtige Weg dazu ist, ein solches Schubladendenken zu minimieren.

    Danke fürs Teilen und das Bewusst machen!
    Liebe Grüsse, Sonja
    http://www.littlewhitepages.wordpress.com

    1. Liebe Sonja,

      das habe ich gestern zu Henry auch gesagt. Obwohl ich mich sehr für meine Gedanken geschämt habe, war es genau so gut. Genau das hab ich gebraucht, um mir dem überhaupt bewusst zu werden. Wir hatten hier gestern ein längeres Gespräch, ob ich darüber schreiben soll oder nicht. Aber letztendlich ist es doch menschlich und so wichtig, dass man sich diesen Situationen bewusst wird, sie auch zugibt, damit man daran wachsen und das Schubladendenken eingrenzen kann.

      Herzliche Grüße an Dich
      Janina

  2. Liebe Janina, ich hatte zu dem Thema vor kurzem eine Weiterbildung. Vorurteile sind wichtig, damit wir uns das Leben erleichtern können. Es ist nicht möglich alles zu hinterfragen. Da würde unser Kopf wahrscheinlich explodieren 😉 Entscheidend ist, wie du es auch sagst, dass wir unsere Vorurteile erkennen, deren Ursprung hinterfragen und dann unsere Handlung korrigieren. Du hast also sehr vorbildlich gehandelt würde meine Seminarleiterin sagen 🙂 Auch ich ertappe mich immer wieder in solchen Situationen und frage mich dann „Oh Christiane, hast du beim letzten Mal nicht daraus gelernt?“ Anscheinend nicht, aber ich habe es erkannt 😉 Liebe Grüße, Christiane

    1. Liebe Christiane,

      ich danke dir für deine Worte.
      Es war mir wirklich unangenehm und ich hab mich so für meine vorschnellen Gedanken geschämt.
      Aber ich glaube eben auch, dass es gut war, dass ich mich in dieser Situation befunden habe. Denn das schärft nochmal. 🙂

      Sei ganz lieb gegrüßt
      Janina

  3. Liebe Janina,

    danke, dass du das geschrieben hast! Ich glaube, dieses Gefühl kennt jeder, mag es aber nicht aussprechen, dass er in solch einer Situation schon einmal falsch gedacht oder sogar gehandelt hat.

    Ganz herzliche Grüße an dich!
    Ramona

    1. Liebe Ramona,

      ganz ganz lieben Dank für deine Worte!

      Und auch an dich herzliche Grüße
      Janina

    1. Danke für deinen Link!

  4. Nee das hätte ich dir sagen können,du bist die Queen der Vorurteile.bemerkt man schon daran,dass du auf jeden halbwegs kritischen Kommentar patzig wirst,weil du dich persönlich beleidigt fühlst,wenn jemand seine mangelnde Rechtschreibung anmerkt.

    1. Danke für dein Feedback.
      In Sachen Rechtschreibung weisen wir dann wohl Ähnlichkeiten auf. 🙂

  5. Du hast so recht Janina!

    1. Danke dir, liebe Vera! 🙂

  6. Liebe Janina,
    ich danke dir von Herzen für diesen Beitrag. Ich hoffe ganz viele Leute lesen diesen Artikel, öffnen ihre innen Schubladen und sortieren sie nochmal neu. Ich finde es garnicht schlimm, wenn wir über Menschen urteilen und sie erstmal in eine Schublade stecken wollen. Ich finde es nur schade, wenn man dies vorschnell tut und keinen zweiten Blick mehr riskiert. Hier ein wunderbar passendes Zitat:“ Man darf Menschen nicht wie ein Gemälde oder eine Statue nach dem ersten Eindruck beurteilen; sie haben ein Inneres, ein Herz, das ergründet sein will.

    Jean de La Bruyère
    – franz. Schriftsteller –
    (1645-1696) “

    Alles Liebe!

  7. Hallo Janina,
    mit dem Thema beschäftige ich mich auch immer wieder. Vor allem dann, wenn ich selbst mich ertappe, genau wie du beschrieben hast. Oft unterstelle ich den Menschen um mich herum böse Absicht oder Dreistigkeit wo eigentlich nur Ahnungslosigkeit oder andere Gewohnheit zu finden sind. Und eigentlich schade ich mir mit meinen negativen Gedanken nur selbst und verderbe mir die Laune. Ich habe mir auch vorgenommen nicht so schnell zu urteilen und dein Appell am Schluss gefällt mir und hat mich nochmal motiviert!

  8. Toll geschrieben! 🙂

  9. Ach du hast ja so recht!

    Ich bin ein ganz schlimmer „Verurteiler“ und Schubladen-Denker . Ach wie oft mache ich mir das Leben damit selber schwer. Ich versuche nach außen immer loyal und nett zu sein und innerlich verurteile ich.

    Gar nicht so leicht das zu ändern.

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