OH LIFE // EIN LEBENSLAUF DARF ECKEN UND KANTEN HABEN

Ein Lebenslauf muss nicht aalglatt sein. Ganz und gar nicht.

Schluss, aus, Ende. Ich war jung und ich wusste nur eines sicher, ich will arbeiten. Ich möchte einen Berufsausbildung machen. Nicht mehr nur stumpf Theorie pauken. Ich möchte Geld verdienen, selbstständig sein, ausziehen, mein Leben leben. Und so setzte ich mich hin und schrieb Bewerbung für Bewerbung. Damals noch von Hand. Was haben sich die Zeiten geändert. Verrückt ist das, nicht wahr?! Ein Bewerbungsanschreiben per Hand zu schreiben. Wow, ich bin alt.

Und da ich damals so jung war, mich selbst kaum kannte und nicht wusste, wohin ich {beruflich} eigentlich möchte, schreib ich viele Bewerbungen – ganz ohne großen Plan. Ich habe den Politik- und Geschichtsunterricht immer sehr genossen. Ich mochte Deutsch, ich mochte Gesellschaftskunde. All das. Aber was kann ich daraus machen? Auf so ziemlich jede Bewerbung, die ich schrieb, bekam ich eine Zusage. Ein Dilemma. Denn eigentlich packte mich keine der Stellen so richtig. Und dann kam die Zusage vom Landtag, dem öffentlichen Dienst. Ja, und so nahm ich die Stelle an. War es doch noch die beste Wahl – mochte man der Begeisterung meiner Großeltern und Eltern glauben.

Öffentlicher Dienst, das ist sicher, mein Kind. Bist du da erst einmal drin, dann brauchst du dir keine Sorgen machen. Ein sicherer Job mit gutem Verdienst. Da kannst du dein Leben lang bleiben!“. Ich erinnere mich an diese Worte, als hätte ich diese Gespräche erst gestern noch geführt. Ein Job, ein Leben lang – für die Generation meiner Großeltern noch normal und unglaublich wichtig. Für mich hingegen unvorstellbar. Schon damals. Aber zurück…

Ich entschied mich also für die Berufsausbildung im öffentlichen Dienst. Und so kurz vor Beginn freute ich mich sogar sehr darauf. Ich war gespannt und voller Tatendrang. Doch nach den ersten Wochen und Monaten war klar, das ist nichts für mich. Es ist dröge, es ist langweilig, es ist kaum etwas zu tun. Ich wusste morgens um 10 Uhr schon nicht mehr, wie ich die restliche Zeit des Tages umbekommen soll und ich bin ehrlich, es hat mir verdammt nochmal keinen Spaß gemacht. So gar nicht.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagte mein weiser Großvater immer. Ja, er hat Recht, das sind sie nicht. Und so brachte ich die Ausbildung zu Ende. Ohne viel Freude, aber mit einer Note „sehr gut“, woraufhin ich einen Arbeitsvertrag über die Ausbildung hinaus bekam. Doch konnte ich mich darüber gar nicht richtig freuen. Möchte ich das wirklich? Mich weiter langweiligen, weiter unterfordert sein, nichts zu tun haben? Nö. Ich bin der Meinung, dass einem der Job Freude bereiten sollte. Man sollte gern zur Arbeit gehen und sich am Samstag nicht schon vor dem Montag fürchten. Ich wollte mehr. Nur was wollte ich eigentlich?

Mein Lebenslauf ist bunt, kunterbunt und wild. Ein Personaler würde wohl erschrocken die Hände über seinem Kopf zusammenschlagen, ja, ziemlich sicher sogar. Aber für mich ist mein Lebenslauf genau so perfekt. Ich hab mich ausprobiert. Immer und immer wieder. Ich wusste noch nicht sicher, was ich will, dafür aber immer besser, was ich nicht will. Und auch das ist ein Fortschritt. Sich kennenlernen und seine persönlichen Stärken identifizieren. Das braucht Zeit – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Das ist ok.

In meinem zweiten Studium, den Public Relations, bin ich beruflich angekommen. Es hat mich erfüllt und mich immer wieder in meiner Entscheidung bestätigt. Du bist hier richtig, verdammt richtig und gut aufgehoben. Das Studium war praxisnah und somit kein Vergleich zum völlig praxisfernen Jura-Studium. Es war einfach perfekt und ich habe nicht einen Moment gezweifelt. Im Gegenteil, es hat mich beflügelt.

Ich war schon immer ein Mensch, der sich auf sein Bauchgefühl verlässt und das war bisher immer gut so. Und meine Erfahrung zeigt, ein aufgeräumter Lebenslauf ist nicht alles. Traut euch. Es ist nicht schlimm, eine neue Richtung einzuschlagen. Es ist nicht schlimm, sich in den Dreißigern beruflich noch einmal neu zu orientieren. Es ist sogar gut, etwas zu wagen. Sich vielleicht sogar mal ein Jahr Auszeit zu nehmen, um zu reisen und sich zu finden. Und ja, man darf sich ausprobieren. Man sollte es sogar. Woher sollte man mit 17 oder 18 Jahren auch wissen, was man kann und was man möchte, wenn man selbst noch völlig im Findungsprozess steckt. All das hat nichts mit Versagen zu tun. Keinesfalls. Eher mit Stärke. Und Mut.

„Ich vergebe eine vakante Stelle fast lieber an jemanden, der einen leicht verrückten Lebenslauf hat, der älter oder vielleicht sogar schon Mutter oder Vater ist. Warum? Weil diese Menschen einfach schon eine  gewisse Lebenserfahrung mitbringen, weil die wissen, was sie wollen und können!“. Genau das sagte einmal ein sehr kluger und unglaublich netter Unternehmer zu mir. Lehrender, Arbeitgeber, selbst Vater. Auch wenn ich selbst schon die Erfahrung gemacht habe, dass ich einen Job auf Grund des Mutterseins nicht bekommen habe, sollten wir Mütter uns nicht klein machen. Wir sind organisiert und wissen, wie gutes Zeitmanagement funktioniert. Und genau das, wissen viele Arbeitgeber zu schätzen.

Wir sind Powerfrauen. Mädels, verfolgt eure Träume und schnappt euch euren Traumjob. Verwirklicht euch, lernt, arbeitet auf euer Ziel hin, traut euch und seid mutig. Seid selbstbewusst und stark. Wir können ordentlich was!

KOMMENTARE

Dieser Beitrag hat 11 Kommentare

  1. Gänsehaut. Toll Geschrieben !

    1. Liebe Canon, das ist aber ein Lob. Ganz lieben Dank!

  2. Liebe Janina!

    Ich finde deinen Blog ganz toll, deine Einstellung zum Leben und deinen Drang zum Reisen – einfach herrlich. Ich liebe es auch zu verreisen. Am Schönsten fand ich bisher Mexiko (Cancun) so wunderbare Menschen, so ein wunderschönes Land, so eine herrliche Luft. Ich finde deine Artikel immer ganz toll, mit viel Herz geschrieben und man merkt dir an, dass du beruflich angekommen bist. Ich wünsche dir weiterhin eine wunderschöne Zeit und Alles Liebe. Herzliche Grüße aus Wien, Alexandra

    1. Liebe Alexandra,

      bei so vielen lieben Worten hüpft mir das Herz.
      Ich hätte es mit dem PR Studium auch nicht besser treffen können. Ich liebe meinen Job sehr.
      Und ich denke, wenn man etwas gern macht, dann ist ma besser.

      In Mexico war ich auch noch nicht. Hoffentlich werde ich dieses Land auch noch sehen. Mich hat das Reisefieber gepackt, so richtig. Und ganz eigentlich möchte ich auch gar nicht zurück. 😀

      Sei lieb gegrüßt
      Janina

  3. Liebe Janina, es tut gerade so so gut, deine Worte zu lesen. Ich bin 26, stecke im Jurastudium und Zweifel immer mehr, ob das wirklich meine Zukunft sein soll. Dann kommen die Gedanken, dass ich zu alt bin, um nochmal etwas Neues anzufangen. Das ist wirklich ein Teufelskreis…

    Dein Post macht allerdings Mut! Danke dafür!

    1. Liebe Denise,

      ich denke, es ist ganz normal, dass man mal Zweifel hat. Die gehören einfach auch mal dazu. Aber wenn es dauerhaft wird, die Zweifel immer stärker werden, man unglücklich ist bzw. dem was man tut, nichts abgewinnen kann, dann wird es schwierig – denke ich. Mich hat das Jura Studium schlichtweg zermürbt, es hat mich zunehmend unglücklich gemacht und letztendlich war ich einfach zur noch unzufrieden und müde.

      Ich wünsche dir, dass du deinen beruflichen Weg findest. <3
      Janina

  4. Das ist so wahr! Bei mir war es genauso: Mit 18 war ich noch viel zu jung, um mich auch nur für irgendetwas entscheiden zu können. Ich sehe mich noch an meinem Schreibtisch sitzen, einen Studienführer in der Hand, ich hab darin geblättert und mir den Kopf zerbrochen, was ich denn studieren könnte.

    So kam es, dass ich mich ausprobiert habe und in diesem Zuge verschiedene Praktika gemacht habe: PR, Private Banking, Marketing- und Grafikagenturen, außerdem dann auch im sozialen Bereich…. Da habe ich dann gemerkt, dass für letzteres mein Herz schlägt und ich wusste plötzlich, was ich studieren sollte.

    Ich habe durch meinen Weg zwar einige Jahre „verloren“, aber ich habe so viele Erfahrungen dazu gewonnen. Erfahrungen, die andere nicht haben und die mir niemand nehmen kann, die mich so sehr geprägt haben. Jetzt bin ich Ende des letzten Jahres Mama geworden, habe mir ein Jahr Elternzeit in meiner Arbeit genommen, werde dorthin aber nicht mehr zurückkehren, da ich mehr will. Ich habe letztes Jahr eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin begonnen, komme gerade wieder von einem der Theorieseminare und bin wie jedes Mal, wenn ich da raus gehe, so begeistert. Ich freue mich so sehr und ich fass es manchmal auch nicht, dass ich endlich das gefunden habe, was ich später machen möchte. Ich bin zwar jetzt „schon“ 30 und bei vielen Frauen in diesem Alter ist das Kapitel Karriere und Beruf, geschweige denn Studium und Ausbildung, schon abgeschlossen….und ich fange damit jetzt erst richtig an. Spät, aber es fühlt sich genau richtig und gut an. Auch wenn es mit Kind eine Herausforderung ist und wird.

  5. Hallo Janina, mein Lebenslauf schaut auch ganz kunterbunt aus. Ich habe erst ein Studium abgeschlossen, was mir keine Freude bereitet hat, dann eine Ausbildung gemacht und angefangen im Ausbildungsberuf zu arbeiten. Nach zwei Jahren war es mir dann zu viel und ich habe mich mit meinem Studienabschluss beworben. Es war nicht einfach und erst 40 Bewerbungen später bekam ich die erste Zusage. Mittlerweile bin ich über 6 Jahre im Unternehmen und möchte kein Jahr missen.
    Es ist egal welchen Weg man einschlägt, solange man ist am Ende glücklich ist.

  6. Genau mein Thema! Ich wusste auch ganz lange nicht, was ich eigentlich mal beruflich machen möchte und heute glaube ich, dass ein Großteil der Unsicherheit die daraus oft resultiert einfach mit dem Umfeld zu tun hat. Du schreibst es ja selber, die Familie möchte einen am liebsten in einem sicheren „seriösen“ Job sehen, die Freunde wissen evtl. schon ganz genau was sie mal machen wollen…da kommt man sich irgendwann komisch vor und man beginnt das Nächstbeste zu studieren. Bei mir hat es auch Ausbildung und Studiengangwechsel (auch Jura ;-)) gebraucht bis ich ungefähr wusste wo ich hin will. Freut mich, dass du deinen Weg gefunden hast, ich bin nämlich auch der Meinung, dass die Arbeit einem Spaß machen muss! LG Dani

  7. Liebe Janina,

    seid einiger Zeit schon verfolge ich fast jeden neuen Post auf deinem Blog.
    Ich bin immer wieder begeistert über deine Themenvielfalt und außerdem ein bisschen verliebt in die kleine Mimi. Jedes mal wenn ich ein so kleines Wesen sehr frage ich mich wie man nur so perfekt und süß sein kann.
    Jetzt bin ich gerade auf dem aller besten Weg selbst einem kleinen Persönchen das Leben zu schenken.
    Passt das in meinen Lebenslauf? Wenn ich die Umwelt fragen würde wahrscheinlich nicht optimal. Aber für mich passt es. Es macht mich so glücklich Mama werden zu dürfen. Das Leben wird auch danach mit viel Power und jeder Menge Überraschungen weiter gehen!
    Ich möchte es nicht durchgeplant und auf Kinder warten bis die „Karriere“ läuft. Ich möchte es genau so wie es ist nicht immer durch gestylt und vielleicht auch manchmal chaotisch.
    Dein Blog gibt mir immer wieder aufs Neue das Gefühl, dass der Weg gut und richtig sein kann.
    Es braucht nicht immer Perfektion im Leben sondern viel mehr Liebe und Lust am Leben. 🙂

    Liebe Grüße
    Judith

  8. Liebe Janine, ich folge dir seit ein paar Wochen und finde deinen Schreibstil sehr freundschaftlich. Vielleicht ist es auch der Grund, weshalb ich mich hinreißen lasse, dir ein Paar Zeilen zu schreiben. Viele deiner Beiträge sind am Zahn der Zeit. Ich selbst bin auch in deinem Alter und finde es toll, dass es endlich wieder mehr Kinder gibt. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, wo eine Schwangere quasi die Stecknadel im Heuhaufen war. Du warst auch so eine Stecknadel! Was ich aber sehr traurig finde, Was von den Müttern heutzutage abverlangt wird, um bspw. einen Kitaplatz zu bekommen, dass es nicht selbstverständlich ist, an seinem Arbeitsplatz zurückzukehren, oder nicht jeder Versuch der Neuorientierung auch glückt. Ich selbst sehe mich als einen sehr verlässlichen Arbeitnehmer, dem der Mut und die passende Idee zur Selbstständigkeit fehlt. Da ich aber auch nicht stehen bleiben möchte, bin ich stets an Schulungen, Weiterbildungen und sonstigen Qualifikationen interessiert, was mir offensichtlich zum Verhängnis wird. Mittlerweile befinde ich mich an einem Punkt, wo das Selbstwertgefühl leider… Ich habe ja nur ein Kind bekommen, mehr nicht. Und das habe ich gabz sicher auch nicht getan, um meinen jetztigen Chef eins auszuwischen! Aber so fühle ich mich. Und egal wo ich hingehe, ich treffe immer frischgebackene Mütter den es ähnlich geht. Gut ausgebildet und doch werden einem solche Steine in den Weg gelegt. Und das gabze fängt mit dem Kitaplatz an! Ich finde das ziemlich traurig ubd ich frage mich ernsthaft, wie vielen es noch so geht… Was unternimmt man dagegen? Was haben andere Mütter aus dieser Situation gemacht? Ich finde auch, dass ein nicht so allglatter Lebenslauf ansprechender ist, aber ist das auch nur eine Ausnahme? Vielleicht könnte man hierzu mal ein Thema starten! Es würde mich sehr interessieren!

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