Nein!

„Nein, ich möchte das nicht!“
Nein heißt nein. Nicht vielleicht, nicht ja.

Vor kurzem hatte ich eine Unterhaltung mit einer Freundin, es ging um jugendlichen Leichtsinn, darum, wie oft im Leben man doch einfach nur Glück hat (oder weniger Glück). Ich hatte oft Glück, oft auch mehr Glück als Verstand.

Ich war die Erstgeborene, die erste von fünf Töchtern, und so kam es, dass ich die Freiheiten für alle anderen erst einmal erkämpfen musste. Ich durfte nicht lange ausgehen. Ich musste immer sagen, bei wem und wo ich bin und gern rief meine Mama vorher auch noch einmal an und sicherte sich ab. Ich war nicht in Discos oder Bars. Aber ich wollte all das, ich wollte diese Freiheiten. Ich habe nicht verstanden, warum meine Eltern mir diese vermeintlichen Freiheiten nicht gewähren wollten. Ich habe ihnen auch nicht zugehört, als sie versuchten, mir ihre Beweggründe immer und immer wieder zu erklären. Dass die Welt und die Menschen auf ihr nicht nur gut seien, dass mein viel zu kurzes Kleid vielleicht falsche Signale senden würde. Ich war wütend, dass ich noch immer so früh zu Hause sein musste. 21 Uhr, im besten Fall um 22 Uhr. Ich war stinksauer und habe mich nicht verstanden gefühlt, eingeengt noch dazu.

Ich sah Klassenkameraden oder Freundinnen, die sich am Wochenende trafen, Asti tranken und dann (meist heimlich) mit den älteren Jungen und ihren Autos in den nächsten Club fuhren. Ich wollte das auch. Ich wollte auch die Nacht durchtanzen, auf High Heels und in kurzen Kleidern, mit einem Bacardi in der Hand. Es erschien mir abenteuerlich und wild und spannend, reizvoll und bewundernswert. Dass sowohl meine Mama wie auch mein Papa ihren Job als Eltern einfach nur gut machen, sie mich beschützen wollten, das habe ich nicht gesehen und erst recht nicht verstanden.

Und so fand ich mich an einem Abend im Spätsommer, gehüllt in ein viel zu kurzes, glitzerndes Kleid und auf Plateau-Heels, in einer fremden Wohnung von einem mir fremden Mann wieder. Ich saß da, war in Panik, voller Angst und wünschte mir nichts mehr, als meine Eltern an meine Seite. Nur konnte ich diese nicht anrufen, denn sie wussten weder, wo ich gerade war, noch wussten sie, dass ich mich just in diesem Moment in ein derart bedrohliche Situation verfrachtet hatte.

Meine Freundin, genau so alt wie ich damals, war frühreif und wild. Sie testete ständig ihre Grenzen aus und widersetzte sich. Und sie war es, die mir an diesem Abend sowohl Kleid und Schuhe lieh. Sie war es, die mich schminkte und mir Locken machte. Sie war es, die mich in diese Wohnung mitnahm, zu „Freunden“. Ich wollte das alles und freute mich auf den Abend. Und so saß ich da, in dieser fremden Wohnung, während meine Eltern der Meinung waren, ich würde bei eben dieser Freundin zu Hause übernachten.

Als wir ankamen, war die Horde schon betrunken. Laut, angestachelt, übermütig. Und statt einer Party, war es ein Saufgelage. Und wir die einzigen Mädchen, Frauen dort. Ich wollte wieder gehen, aber meine Freundin sagte, es würde noch toll werden. Gegen zwei, drei Stunden wäre nichts einzuwenden, und so setzte ich mich mit dazu, ins Wohnzimmer. Meine Freundin verzog sich bald knutschend mit einem der wirklich ekelhaften Typen in ein Nebenzimmer und ich fühlte mich noch verlorener, versank förmlich in meinem Sessel. Der Typ neben mir rückte näher und näher, legte immer wieder tätschelnd seinen Arm um mich, wurde aufdringlich und aufringlicher. Er betatschte mich und ich sagte ihm mehrmals deutlich, dass ich das nicht möchte. Die Anderen lachten laut und machten ihre Späße, der Typ fühlte sich dadurch wohl weiter animiert. Und so kam es zu den ersten Übergriffen. Ich wurde begrapscht und bedrängt. Ich fühlte mich unsicher und überrumpelt und ich hatte Angst. Ich riss mich los, stand auf und erhob meine Stimme.

„Lass es sein, ich möchte das nicht! Nein!“.

„Ach komm, nicht so schüchtern. Sei doch nicht so prüde. Ist deine Freundin doch auch nicht…“, war seine Antwort. Ich bekam es ehrlich mit der Angst zu tun.

Ich stürmte zum Zimmer nebenan, riss die Tür auf und machte meiner Freundin deutlich, dass ich gehen möchte. Jetzt sofort. Sie schaute auf, angetrunken und zerzaust, und ließ mich im Stich. Nichts, sie blieb einfach liegen.

So ging ich zur Hautüre und verließ die Wohnung. Mir war klar, würde ich bleiben, würde dies kein gutes Ende nehmen. Ich lief in die Dunkelheit hinaus, die Luft war noch recht warm, mein Herz pocherte. Nein heißt nein. Die Panik legte sich nur langsam und ich war froh, die Reißleine gezogen zu haben. Ich war froh und erleichtert, als ich meinen Schlüssel in unsere Haustüre steckte. Es war mir egal, dass ich nun in Erklärungsnot geraten würde. An diesem Abend habe ich verstanden, warum und wieso meine Eltern gewisse Entscheidungen für mich gefällt haben. Jetzt als Mutter eines angehenden Teenagers werde ich es genau so halten. Liebevoll Grenzen setzen, vorleben und vor allem, meinen Kindern Selbstsicherheit und -vertrauen mitgeben. Ganz viel davon, so dass sie ein starkes Rückgrat entwickeln können. Damit sie heute und später ebenfalls für sich sprechen können, sie den Mut und die Stärke haben, Nein zu sagen. Oder auch Ja. Damit sie aufstehen und gehen und sich nicht ergeben.

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Dieser Beitrag hat 17 Kommentare

  1. Wie jung und naiv man manchmal war. Mir ist etwas ähnliches passiert, da war ich so um die 20 Jahre alt und begab mich auch in so eine Situation, die böse hätte enden können. Leider hatte ich eine schlechte Menschenkenntnis. Ich glaube so etwas ist schon so vielen Frauen passiert und man selbst will es nicht öffentlich ansprechen – irgendwie ist es einem peinlich, obwohl man das Opfer ist!

    Danke für diesen Text und das Du mit dem Thema so offen umgehst!

    1. Ja, ich schäme mich sogar heute noch. Weil es einfach so selten blöd war.
      Und ich hoffe einfach, dass Anni besser auf sich aufpasst.

      Ich werde wohl einen Mittelweg wählen. Nicht ganz so streng, dafür hoffe ich aber, dass sie eben immer anruft, wenn etwas ist. Egal wann, egal wie „peinlich“ oder schlimm es auch sein mag.

  2. Sehr schön geschrieben! Und wichtig finde ich, neben liebevollen Grenzen und der Info: egal was ist, ruf an: Solche Geschichten erzählen.

    1. Deshalb habe ich diesen Text verfasst. Es ist nicht schön, aber es ist wichtig!

  3. Man ist manchmal einfach so unglaublich doof gewesen und hat sich so doll von anderen Mädels, die man cool fand, leiten lassen! Ich werde meiner kleinen Dame auch immer und immer wieder erklären wie gefährlich und unschön gewisse Situationen enden können und hoffe das sie es mir glaubt;)

    1. Ja, ich hab sie bewundert – viele dieser Mädchen. Heute sehe ich das natürlich anders, als erwachsene Frau. Ich hoffe einfach, dass die beiden Mädels es später besser wissen.

      1. Ich glaube indem man ihnen sowas sehr offen erklärt, hat man schon einen großen Schritt dazu geleistet!

        1. Das glaube ich auch! 🙂

  4. Danke für diesen Text!

    1. Gern! 🙂

      Ich finde, das ist so ein wichtiges Thema.
      Wenn ich überlege, wie oft ich in meinem Leben auch einfach nur Glück hatte.

  5. Doofe Situation, aber du hast sie dann gut gemeistert. Mir graut schon etwas davor, wenn unsere Tochter in das Alter kommt. Lange dauert es nicht mehr und schon jetzt ertappe ich mich dabei, dass ich ihr erkläre, warum sie nicht mit ihren langen blonden Haaren und kurzen Rock am späteren Abend durch die Stadt alleine fahren soll. Aber wir erklären, warum und wieso. Und ich habe den Eindruck, dass sie bisher noch dankbar ist für die Erklärungen und die Hilfe. Wer weiß wie lange noch. Als Eltern können wir unsere Kinder ja leider nicht vor allem beschützen, auch wenn wir es noch sehr gerne wollte.

    1. Liebe Eva,

      das stimmt leider. Wir können sie nicht vor allem beschützen. Aber wir können sie stärken, ihnen Selbstbewusstsein mitgeben, ihnen ein gutes Vorbild sein. Wir können unsere Söhne dahingehend erziehen, dass man Frauen respektvoll behandelt, man kann Mädchen aufklären. Ich denke, damit ist schon viel gewonnen. 🙂

      Sei ganz lieb gegrüßt
      Janina

  6. Wie gut, dass du den Mut hattest Stop zu sagen. Ich habe mich dies nicht getraut, wollte nicht „komisch“ oder „anders“ sein und hab daher ein paar unangenehme Situationen erlebt.

  7. Schön geschrieben! Viele Jugendliche sehen oft nur den vermeintlichen Spaß, nicht aber die Gefahr.
    Feiern ist schön und tut auch mal gut, aber nur mit den richtigen Leuten und am richtigen Ort!

  8. Ein wichtiges Thema – danke fürs Teilen!

    Eine Sache stört mich aber, ehrlich gesagt, ein wenig.
    Du schreibst: „Ich habe ihnen auch nicht zugehört, als sie versuchten, mir ihre Beweggründe immer und immer wieder zu erklären. Dass die Welt und die Menschen auf ihr nicht nur gut seien, dass mein viel zu kurzes Kleid vielleicht falsche Signale senden würde.“
    Ich finde nicht, dass es ein zu kurzes Kleid ist, das falsche Signale sendet – das impliziert fast ein wenig, als sei man selbst Schuld, wenn man sich so etwas anzieht. Ich weiß, du meinst das ganz sicher nicht so. Aber es sind nicht die Plateau-Heels oder die Miniröcke, sondern die übergriffigen, agressiven Menschen, die ihre Macht ausspielen und so vielleicht ihr eigenes Ego aufpolieren wollen. Das war mir doch nochmal wichtig :)!

    1. Liebe Lara,

      es ist auch nicht so gemeint. Aber es ist einfach so, dass man in einem gewissen Alter noch gar nicht weiß, wie man auf andere vielleicht wirkt, welche Signale man sendet und vor allem, wie man sich dann auch schützt. Sprich, sie wollten mich einfach schützen, weil ich einfach noch viel zu jung dafür war und es selbst nicht konnte. Ich trage gern körperbetonte Kleidung ich sehe es wie du, aber als erwachsene Frau Handel ich auch ganz anders. Damals war ich da noch völlig unbedarft und treudoof. Schwer, das zu erklären. 🙂

      Sei lieb gegrüßt
      Janina

  9. Als ich deine Erfahrung las kam bei mir eine schon längst verdrängte Erinnerung hoch… Ich war 18/19j alt und mein Vater dachte ich sei bei einer guten Freundin nur war ich mit meinem Freund unterwegs, der sich als das letzte Arschloch herausstellte (sorry !). Wir gingen in seine Wohnung damit er sich mal schnell umziehen könne wie er sagte und als ich da, in einer mir völlig fremden Wohnung auf der Couch saß, kam plötzlich ein Mann aus dem Badezimmer. Weder hatte ich davor etwas gehört noch hatte mein ‚Freund‘ etwas gesagt. Frisch aus der Dusche mit einem Badetuch um die Hüften setzte er sich zu mir auf die Couch und begann zu fummeln. Ich sagte Nein, doch das interessierte ihn nur wenig, also sprang ich auf und verließ fluchtartig die Wohnung . Das Adrenalin, die Angst, mein Herzrasen, und die Wut auf meine Leichtsinnigkeit und Naivität, all diese Stunden voller Panik werde ich wohl nie vergessen.

    Die Eltern meinen es immer gut mit uns, doch manchmal bis die Einsicht kommt vergehen doch ein paar Jährchen.

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