Abstillen //
Aus Sicht eines Vaters

Heute ist zwar erst Montag und eigentlich gibt es nur jeden Mittwoch eine neue Gastkolumne, doch mache ich heute eine Ausnahme. Weil ich das Thema so spannend finde und wissen möchte, wie empfindet der Mann, der Vater diese Zeit des Abstillens. Abstillen, ein heikles Thema. Manch ein Baby stillt sich selbst ab, anderen Babys und Kleinkindern hingegen fällt es schwer, sie brauchen die Nähe der Mutter noch. Wie unser Gastautor „Daddy Cool“ {HIER bei Instagram} es erlebt hat, das erzählt er uns heute.

 

Gute Nacht, Babymann!
Wie aus Entwöhnung Rituale entstanden

Irgendwann musste es ja mal soweit sein. Na gut, an dieser Stelle könnte man direkt in eine Grundsatzdiskussion einsteigen, aber das können wir ja gegebenenfalls später nachholen. Bis dahin schildere ich erstmal, wie es bei uns war. Das Abstillen. Auch Entwöhnung von der Brust genannt. Was, wie ich finde, beides nicht wirklich gelungen klingt. Geht es doch um die Beendigung eines wunderbaren Vorganges. Meine Frau war in der glücklichen Lage, nach anfänglichen Riesenproblemen dann doch recht lange stillen zu können. Glücklich – weil Stillen eine tolle Sache ist. Finden wir.

Was andererseits überhaupt gar nicht bedeutet, dass wir es in irgendeiner Form ablehnen, wenn andere Paare bzw. Mütter sich aktiv für die Flasche entscheiden. Manchen wird diese Entscheidung gar durch widrige Umstände leider auch abgenommen.

Ich beziehe mich hier mithin auf das Stillen. Da ich nur darüber unsere, meine, Erfahrungen mit euch teilen kann.

Der – sicherlich unstreitig – komfortabelste Weg ist ja hierbei, das Baby selbst entscheiden zu lassen, ab welchem Zeitpunkt es seine Mahlzeiten ausschließlich aus alternativen Nahrungsquellen beziehen möchte.

Wir haben uns schlussendlich für den Prozess entschieden, der einen etwas umfangreicheren „Plan“ erfordert. Indem wir diesen Zeitpunkt selbst bestimmt haben. Ja, wir haben entschieden, dass nach 18 Monaten Schluss sein sollte. Und auch diese Entscheidung sollte von anderen akzeptiert werden. Als eine der ganzen frühen Entscheidungen, die Eltern zukünftig in so vielen, unterschiedlichsten Fällen für ihr Kinder treffen werden. Im besten Falle zu deren Wohl.

Diejenigen unter euch, die das Ganze bereits einmal durchgemacht haben, wissen, dass es sich ab dem Zeitpunkt der Entscheidung nach einem langen „Abschied“ anfühlt. Einem Abschied von vertrauter Nähe, von Zweisamkeit, von dieser unfassbar engen (körperlichen) Bindung zu diesem kleinen Menschen. Und auch für eben diesen kleinen Menschen beginnt nun einer der ersten einschneidenden Vorgänge in ihrem noch so jungen Leben.

Gleichwohl bedeutet dieser Abschied jedoch auch immer einen kleinen Neubeginn.

Diese Momente des Stillens waren für das Baby zugleich das Vermitteln von Sicherheit und Geborgenheit. Und natürlich sollen und werden diese Momente nicht mit dem Wegfall des Stillens verloren gehen. Es ist mehr ein Tausch gegen neue, andere Formen liebevoller Fürsorge. Die zwar anders sind, dafür aber nicht weniger schön sein müssen. Und zwar für beide Seiten.

UND: dieser Abschied schafft auch mal wieder ein paar mehr oder weniger große Freiräume. Kleine Momente von Ich-Zeit kehren zurück. Aber auch von Wir-Zeit. Die so immens wichtig sind. Für das Paar, was seine Berufung eben nicht ausschließlich in der Erfüllung elterlicher Aufgaben sieht.

Um diese Entwöhnung keinem kalten Entzug gleichen zu lassen, zogen wir, als wir uns stark genug fühlten, zunächst das sanfte Schlafprogramm nach Dr. Gordon durch. Es erschien uns zum einen logisch-verständlich begründet, zum anderen versprach es einen doch recht schnellen „Erfolg“.

Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine einzige Nacht innerhalb eines Jahres, in der wir am Stück sechs Stunden durchgeschlafen hatten. In unserem Ehebett mit Beistellbett. Wo sich die Mama mal eben komfortabel zur Seite drehen kann, um den kindlichen Hungerleider an die Nahrungsversorgung anzustöpseln. Und es war: normal. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Nichts desto trotz erinnerte man sich ja dann doch noch an die Zeiten „davor“ und JA, wir wollten auch mal wieder wissen, wie es sich anfühlt. Dieses Durchschlafen. Dieses fast schon sagenumwobene „ausgeschlafen sein“.

Dr. Gordon sagt: Stillkinder schlafen nachts genauso wenig durch wie die meisten von uns das tun würden, wenn sie ständigen Zugang zum besten, rund um die Uhr geöffneten Restaurant der Stadt hätten. Macht irgendwie Sinn. Ich denke, ich wäre einer von denen, die sich nachts um elf nochmal ein Schnitzel mit Pommes bestellen würden. Und ein Spezi. Dieser Mann ist ein absoluter Verfechter des Stillens. Ein überzeugter Anhänger des Attachment Parenting, welches eine methodische Stärkung der Mutter-Kind-Beziehung beschreibt. Mit ganz viel Nähe. Mit ganz viel Nestwärme.

Er möchte lediglich die unterstützen, die Abstillen wollen. Ohne ihnen aktiv dazu zu raten. Denn er hat als Kinderarzt die Erfahrung gemacht, dass viele Mütter und Väter glauben, nur das vollständige Abstillen sei möglich. Der Weg, vorerst nachts ab- und nur am Tag weiterzustillen, ist vielen unbekannt. Und das war es auch uns.

Meine Frau hätte wohl noch ewig so weitermachen können. Aber das Arbeitsleben holte sie bald wieder ein. Halbwegs ausgeschlafen sein ist da schon von Vorteil. Zumal sie täglich viele Kilometer auf der Autobahn zu fahren hatte. Also beschlossen wir nach 13 Monaten zu überprüfen, was Herr Gordon so drauf hat.

Zehn Nächte sollte diese ganze Prozedur also dauern. OK, wir suchten uns einen Zeitraum aus, in dem es eher unschädlich war, im schlimmsten Falle auch mal zehn Nächte zum Tage zu machen. So wurde das letzte Mal um 23 Uhr gestillt und die Bar sodann geschlossen. Der Schlüssel dazu jedoch noch nicht so weit weggelegt. Denn: in den Nächten eins bis drei darf die Bar auch mal für besonders durstige Menschenkinder geöffnet werden. Aber: betrunken am Tresen einschlafen is‘ nich. Es darf also nicht an der Brust, sondern nur im Bettchen einschlafen. Mit streicheln, mit drücken, mit „da sein“.  Das wiederum fand der Babymann – wie sollte es anders sein – nicht in jedem Fall toll. Und wurde auch mal ein wenig zickig. Ließ sich dann jedoch immer recht schnell beruhigen.

Nach der dritten Nacht wurde die Bar sodann nach dem, sehr späten, letzten Drink geschlossen und blieb es auch. Kuscheln, knutschen und Co.  waren jedoch weiterhin erlaubt und wichtig.

Schlussendlich mussten wir die zehn Nächte gar nicht durchstehen.

Denn wir wachten bereits nach fünf Nächten morgens auf. Und fühlten uns… irgendwie so „WOW“. Wir hatten durchgeschlafen. Ganze sechs Stunden lang. Ich wollte sofort Bäume ausreißen. Zog es jedoch vor, Frühstück zu machen. Wahrscheinlich fröhlich pfeifend, das weiß ich aber nicht mehr genau.

Weitere fünf Monate später zeichnete sich ab, dass die Mama künftig immer wieder zu Fortbildungen fahren muss und tageweise nicht zuhause sein kann. Dies nahm uns die Entscheidung ab, wann denn nun das endgültige Abstillen erfolgen sollte. Was dann auch, dank der geleisteten „Vorarbeit“ gar nicht mehr sooo schmerzhaft war. Zumindest für den Kleinen. Denn die Endgültigkeit dieses Schrittes hat der Mama schon zu schaffen gemacht. Und wird es wohl nun in absehbarer Zeit erneut tun. Denn auch bei Babymann Nummer Zwei vergeht die Zeit, wie so oft bei den schönen Dingen des Lebens, doch viel zu schnell.

Ab diesem Zeitpunkt – so beschloss es der ausschließlich von beiden Eltern besetzte Familienrat – sollte der Papa derjenige sein, der den nunmehr zum Kleinkind aufgestiegenen Menschen abends in’s Bett bringen wird. Dies sollte ihm jeglichen Gedanken daran nehmen, doch nochmal auf `nen Drink in der Lieblingsbar einkehren zu wollen. Somit entstanden Rituale, die bis in die heutige Zeit, knapp drei Jahre später, noch genau so stattfinden.

Der Abend wird hier, auf Grund seines manchmal doch recht rasanten Verlaufs, auch Tagesabschlussrallye genannt. Nach dem obligatorischen Sandmännchen wird der Schlafanzug angezogen, geht’s zum Zähneputzen, wird nochmal fix die Blase geleert. Und dann geht`s hopp, in’s  Feuerwehrbettchen. Im Kinderzimmer wird das Licht angenehm gedimmt, ein Buch genommen und gelesen. Anfangs – und für tatsächlich eineinhalb Jahre – war es EIN UND DASSELBE Buch. Ein Tierbuch, mit 255 Seiten. Er kennt mittlerweile jedes Tier, dessen Babys sowie die jeweiligen „Wohnungen“ und Lieblingsmahlzeiten auswendig. Ich konnte es wirklich bald nicht mehr sehen. Aber er liebte es nunmal. Es war also alternativlos. Mein Ermessenspielraum sank nahezu gen Null. Was macht man nicht alles, für die lieben Kleinen…

Nach ein paar Seiten Vorlesen wird das Buch weggelegt und es folgt: „Tag erzählen“. Hierbei wird sein Tag aus meiner Sicht nochmal resümiert. Teils mit Dialogen, wie „Was gab’s bei den Kindern zu essen?“. Für mich auffällig oft lautet die Antwort: „Kartoffeln und Rotkohl“. Ich hinterfrage dabei jedoch niemals kritisch. Ich denke, er hat dann einfach keine Lust mehr, nachzudenken und wählt die Antwort aus, die ihm jeweils als Erstes in den Sinn kommt. Damit schnell Ruhe ist, mit der Ausfragerei.

Das Tierbuch ist seit Neustem richtigen Erzählungen gewichen, die vom E-Book-Reader kommen. Der Vorteil hierbei ist, dass man das Licht im Zimmer umso mehr dimmen kann, denn das Display ist beleuchtet. So passiert es auch schon öfter mal, dass ich beim Vorlesen plötzlich ein angenehmes Schnuffelgeräusch neben mir vernehmen kann. Was für mich zu einem der seligsten Momente überhaupt gehört. Dieses so herrlich friedlich schlafende Kind. Was mal so überhaupt kein Wässerchen trüben kann. Zum anderen bedeutet dies für mich den Startschuss, mich so geräuscharm wie nur möglich aus dem Bett schleichen zu können.

Falls das mal nicht ganz so funktioniert und er dabei wieder wach wird, weil ich irgendwo anstoße oder auf ein fahrlässig liegengelassenes Fahrzeug trete und schmerzerfüllt fluche, dann brauche ich meist nur ein paar Zeilen anzulesen. Der Kleine nimmt meinen Fluchtversuch dann gar nicht als solchen wahr und schläft ebenso friedlich weiter. Tag erzählen erübrigt sich in diesen Fällen selbstredend. Was auch unschädlich ist. Dann gibt`s eben ein anderes Mal wieder „Kartoffeln und Rotkohl“.

Wie das Ganze sich gestalten wird, wenn Babymann Nummer Zwei in gar nicht sooo ferner Zeit „alte“ Gewohnheiten gegen neue Rituale eintauschen wird? Ich weiß es nicht. Vermutlich wird es so ganz ähnlich ablaufen, wie oben beschrieben. Nur eben mit zwei Jungs in einem Bett. Und ihrem Geschichtenerzähler.

Und wenn die schönsten Momente im Leben nunmal die sind, in denen das Herz nicht aus Gewohnheit, sondern aus Freude schlägt, dann wird meines dann eben doppelt schlagen.

Vielen Dank, dass ihr „dabei“ wart. Und wenn es euch gefallen hat, dann besucht mich doch auf meinem Instagram-Profil www.instagram.com/daddy_co.ol. Ich freu mich auf euch.

 


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Dieser Beitrag hat einen Kommentar.

  1. Ein ganz toller Beitrag! Das Thema ist bei uns gerade super aktuell, sodass es toll ist, einen Einblick in andere {Ab}Stillgeschichten zu bekommen!
    Das abendliche Ritual klingt super und am wichtigsten: total liebevoll!

    Ich bin gespannt, wie es bei uns weitergehen wird.

    Liebste Grüße!

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